Zwei Norddeutsche in der Antarktis

Segeln am Ende der Welt

Von Wolf Schneider
Fotos:  Joe Harms / Derk Steemann

Die argentinischen Fischer am Rio de la Plata in Buenos Aires können es kaum gauben. Da kommen zwei Männer aus Deutschland geflogen, um freiwillig in die Antarktis zu segeln. Sie wollen nach Ushuaia, ganz im Süden Argentiniens. Dort liegt ihr Schiff und sie müssen nach Neuseeland, fischen im südlichen Pazifik. Die beiden Borkumer Joe Harms und Derk Steemann wollen auch nach Ushuaia. Aber nicht zum Fischen – sie wollen auf die antarktische Halbinsel.  Zu acht sind sie, alle erfahrene Segler, die für vier Wochen auf der 15-Meter Segelyacht SANTA MARIA weit in den Süden wollen, den kalten Süden.  Von Ushuaia nach Puerto Williams, der südlichsten Stadt der Erde, vorbei an Kap Hoorn durch die Drake Passage direkt auf die antarktische Halbinsel.

derk und joe zurück aus antarktisAm 8. Februar, es ist Spätsommer auf der Südhalbkugel, laufen sie aus. Der Himmel ist bedeckt und leichter Wind aus Nordnordwest schiebt sie voran. Doch es soll nicht so gemächlich bleiben. Die neuesten Wetterdaten kündigen ein Tief an, eines von vielen in den nächsten vier Wochen. Ein Sturmtief südwestlich von Kap Hoorn mit 40-50 Knoten Wind liegt vor ihnen. Konzentriert segeln Rudergänger und Ausguck ihre Wache, denn „Willy“ droht hier überall. Willy, das ist der Name für die berüchtigten Fallböen im Südatlantik. Sie überfallen die Segelyachten unvermittelt und unerkennbar. „Das haut schnell das Boot auf die Seite und du musst am Ruder sehr aufpassen“, berichtet Joe aus eigener Erfahrung. Die ersten Delfine begleiten die Yacht. Sie sind die Vorboten einer großartigen Tierwelt, die die Crew der SANTA MARIA sehen werden. Weiter geht es nach Süden, der Wind nimmt zu, es wird stürmisch und es regnet ununterbrochen. Doch jetzt geht es erst richtig los.

Kap Hoorn und die Drake Passage

_BOR0004Die Drake Pasage liegt vor ihnen. Eine der sturmreichsten Gebiete der Erde, über 800 km breit ist hier der Weg von der Südspitze Südamerikas an die nördliche Spitze der antarktischen Halbinsel. Und da wollen sie jetzt durch, Joe, Derk und die sechs Freunde auf dem 15-Meter-Stahlschiff. Sie wissen, ab jetzt wird rund um die Uhr gesegelt. In den nächsten fünf Tagen gibt es keinen Alkohol an Bord, nicht einmal ein Bier oder einen Sherry. Seglerische Disziplin ist angesagt. Nur mit einem strengen System von jeweils drei Stunden Wache für Ruder, Manöver und Eiswache und folgenden sechs Stunden Freiwache ist die Passage zu schaffen. Es geht los. Wind aus NNW, Stärke 4 – 5 Kurs Süd. Die Segel sind zum Schmetterling geformt, die mächtige Genua ausgebaumt auf der einen Seite, das Großsegel auf der anderen – Vorwindkurs, der Wind kommt genau von achtern.  Kurz reißen die Wolken auf, so als möchten sie den Seglern den Blick auf den berühmtesten Felsen der Seefahrerwelt besonders erleuchten: Kap Hoorn an steuerbord.  Für Landratten ist es das Ende der Welt, die Grenze zwischen Atlantik und Pazifik. Der Ort, an dem sich innerhalb von wenigen Minuten Orkane mit Windgeschwindigkeitenvon 160 km/h bilden können. Und für Segler ist es irgendwie ein heiliger Ort, dort wo man für einen Moment den Atem anhält. Die, die dort gesegelt sind, sind stolz darauf. Zu Recht.

einfahrt paradise bay eisschollenDas Wetter schlägt um. Wind aus Südwest bis West, Stärke 8 – 9 Beaufort. Starke Böen und Regenschauer kommen von oben. Rauer Seegang und brodelnde Wellen toben unter ihnen. Aber die SANTA MARIA erweist sich als gutes Schiff, spartanisch ausgerüstet, aber sicher. Die Tage vergehen. Die Mannschaft hält weiter Kurs Süd.  Die Wüste aus Wasser und Wasser und Wasser nimmt kein Ende. Aber sie haben Begleitung, Wanderalbatrosse, Delfine, Sturmtaucher und Wale kreuzen ihren Weg. Zwei treue Albatrosse bekommen auch ihre Namen: Käpt´n Flint und Käpt´n Cook. Es wird kälter, nur noch ein Grad Celsius, die Crew kann die Antarktis schon scheinbar riechen. Die Sonne lässt sich blicken. 14:15 Uhr – Land in Sicht. Land, nach fünf langen Tagen und Nächten auf See in der Drake Passage.  Am Horizont erscheint Smith Island. Die beeindruckende Kulisse von über 2000 Meter hohen Bergen wächst aus dem Meer, bedeckt mit Schnee und Eis. Die Sonne scheint, das Wasser erscheint tiefblau. Joe und Derk wissen, allein dieser Anblick schon entschädigt für alles. Sie sehen, warum sie so gerne segeln. Noch eine Nacht tasten sie sich vorsichtig segelnd an die Vulkaninsel Deception heran, ein Höhepunkt jeder Reise zur antarktischen Halbinsel. In der Form eines riesigen Hufeisens ist Deception Island eine Kraterinsel. Sie ist ein eingebrochener, aber immer noch aktiver Vulkan mit einer schmalen Öffnung am Kraterrand, durch die hindurch man in den Vulkankrater hineinsegeln kann. Die SANTA MARIA   muss durch die Einfahrt Neptunes Bellow. Das scheint leicht, aber vor der Einfahrt treiben Eisberge und Eisschollen. Mit großer Vorsicht und einem stets aufmerksamen Ausguck umfahren sie die gefährlichen Hindernisse und laufen in die Bucht ein.

Sektfrühstück gibt es und Eier mit Speck. Angekommen sind sie und glücklich. Pinguine betrachten die menschlichen Eindringlinge ohne Scheu. Joe und Derk kennen die besonderen Verhaltensregeln hier: Sie bewegen sich nur sehr langsam, nähern sich den Tieren niemals mehr als fünf Meter und halten stets den Weg zum Wasser als möglichen Fluchtweg für die Tiere frei.
Orcas kommen – Killerwale unter dem Schiff

Doch es geht noch weiter nach Süden. Joe Harms hat Wache als Rudergänger. Mit einem Seitenblick sieht er sie torpedoähnlich kommen: Orcas, die Killerwale. Viele Tonnen schwer und fast zehn Meter lang können sie werden. Die Orcas zischen unter der SANTA MARIA hindurch. Eine Kollision mit der Yacht hätte fatale Folgen für die Mannschaft. Eine Kenterung im eiskalten Wasser bedeutete den sicheren Tod. Doch die Tiere interessieren sich nicht für das Schiff. Wenige Hundert Meter entfernt sieht Joe das Ziel der Schwertwale. Sie jagen Seeleoparden, die auf einer großen Eisscholle liegen. Die Orcas gleiten aus dem Wasser und werfen sich mit ihrem ganzen tonnenschweren Gewicht auf die Eisscholle, um sie umzukippen. Die Seeleoparden, große robbenähnliche Tiere, die bis zu drei Meter lang sind, haben Glück. Den Orcas misslingt die Jagd, die Eisscholle hält und die Jäger ziehen entmutigt ab. So kalt und unwirtlich diese Landschaft erscheint, so ist sie doch voller natürlichen Lebens: Kolonien von Eselspinguinen, Krabbenfresser- und Weddellrobben, Seeleoparden, Buckel-, Finn- und Zwergwale, Königs-, Adélie- und Eselspinguine und über allen schwebend immer wieder Albatrosse zeugen von einer intakten und vielfältigen Tierwelt.  Dass es auch so bleibt, hoffen Wissenschaftler der ukrainischen Forschungsstation Vernadsky, dem südlichsten besuchten Punkt der beiden Borkumer Segler. Sie arbeiten hier an der Erforschung der Atmosphäre, untersuchen Entwicklungen der Ozonschicht und des Klimas. Bemerkenswert für die Crew der SANTA MARIA ist die Meinung der ukrainischen Wissenschaftler dazu. Sie betrachten den Einfluss des Menschen auf den Anstieg der Durchschnittstemperatur als geringfügiger, als üblicherweise von anderen Wissenschaftlern angenommen. Für sie ist Klimaentwicklung immer eine langfristige Folge von Phasen der Erwärmung und späterer Abkühlung.

No challenge – no fuckin´Glory!

Gigantische Fjorde, herrliche Eisberge, Albatrosse über ihnen und Delfine unter ihnen haben sie gesehen. Nächtelange Stürme, peitschenden Regen im Gesicht und nasskalte Kleidung ertrugen sie dabei. Mit dem glücklichen Gefühl, eine großartige Herausforderung auf 1659 Seemeilen bestanden zu haben, kehren Joe Harms und Derk Steeman nach Borkum zurück. Nach Hause, aus dem tiefen Süden in den hohen Norden.

Aus Terra Incognita von Sara Wheeler:

“Die Landschaft ist unberührt, ursprünglich und unvorstellbar groß. Es gibt keinen Tages- und Nachtrhythmus, der uns Erdlingen in der gewohnten Umgebung eine unvermeidliche Routine aufzwingt. Es gibt keine Hungersnöte und soziale Unruhen. Der Kontinent genügt sich selbst und ist vollkommen unbeeinflusst von der unabwendbaren Tragödie des Menschseins. Vor mir liegt eine Welt ohne Unordnung: keine lärmenden Hupen, keine überquellenden Abfallkörbe, keine Gasrechnungen – es gibt kein Zeichen menschlicher Anwesenheit.”

 

sy santa maria fest an altem walfänger